mehr Zeit – mehr Leben
30 Mai
Dies ist ein Gastbeitrag von Autor Markus Albers. Nach “Morgen komm ich später rein” arbeitet Albers gerade an seinem nächsten Buch. Auf seinem Blog schreibt er regelmäßig rund um das Thema “Moderne Gestaltung von Arbeitsverhältnissen”.
Ich habe beim Schreiben meines Buches „Morgen komm ich später rein” die Kernthese gleich getestet: Kann ich heutzutage arbeiten, wann und wo ich will? Ein Teil des Buches entstand darum unterwegs auf der ganzen Welt. Ich habe auf der Terrasse einer Finca auf Ibiza geschrieben. In einer tief verschneiten, einsamen Holzhütte in Norwegen nach einem Tag Langlauftraining. Am Pool eines Designhotels in Bangkok, bevor es mit dem Wassertaxi ins Restaurant ging. Im Hof eines Damaszener Hauses in Damaskus, neben dem Laptop eine Tasse mit Kardamom-Kaffee. Und an diesem einsamen Strand in der Nähe des königlich thailändischen Badeortes Hua Hin.
Naja, sagen Sie: Für einen freiberuflichen Journalisten und Buchautor ist das wohl ein bisschen einfacher als für einen festangestellten Büromenschen. Stimmt natürlich – und auch wieder nicht. Denn zum ersten Mal können heute Festangestellte ihren Tag ähnlich strukturieren wie Freiberufler. Unser Kapital sind der Inhalt unseres Kopfes, unseres Adressbuchs und unserer Computerfestplatte – nicht das starre Regelwerk des Bürotags. Angesichts massiv gefallener Kollaborationskosten braucht heute niemand zwingend eine Unternehmensplattform, um erfolgreich am Wirtschaftsleben teilzunehmen. Die von Thomas Friedman beschriebene »flache Welt« hat einen enormen technologischen Emanzipationsprozess des Einzelnen von den Unternehmen ausgelöst.
Der amerikanische Journalist und Bestseller-Autor Friedman erklärt in seinem Buch Die Welt ist flach, wie frühere Entwicklungsländer dank moderner Technologien zunehmend auf gleicher Augenhöhe mit Industrienationen um Aufträge konkurrieren. Die von ihm identifizierten technischen Umwälzungen sind unter anderem:
Fest angestellte Wissensarbeiter können heute also von überall am Arbeitsprozess teilnehmen und zwar zu fast beliebigen Zeiten. Die Zeitverschiebung zwischen Indien und den USA ermöglicht Effekte wie den von Friedman genüsslich beschriebenen, dass ein Amerikaner abends dem Steuerberater seine Unterlagen gibt, der sie nach Indien schickt, Feierabend macht – und am nächsten morgen sind sie fertig bearbeitet zurück in seinem E-Mail-Eingang. Umgekehrt geht das übrigens auch: In einer Werbung des Bürogeräteherstellers Ricoh muss ein asiatischer Angestellter über Nacht dem Chef eine riesige Präsentation anfertigen. Er scannt einfach alle Vorlagen ein, mailt sie an Kollegen in Indien und Europa – und am nächsten Morgen hat er das vermeintlich Unmögliche geschafft: Er legt dem verblüfften Vorgesetzten die fertige Hochglanzpräsentation vor. Und sieht dabei nicht mal übernächtigt aus, weil die Arbeit in anderen Zeitzonen erledigt wurde.
Die Entkoppelung der Arbeit von Ort und Zeit ist eine enorme Entwicklungschance für Länder wie Indien und China, birgt aber ebenso ein erhebliches Emanzipationspotenzial für Wissensarbeiter in entwickelten Ländern wie Deutschland. Diese Entwicklung ist tatsächlich neu – die technischen Mittel stehen seit vielleicht drei Jahren
komfortabel zur Verfügung, wirklich professionell kann man so erst arbeiten, seitdem breitbandige Internetanschlüsse flächendeckend geworden sind. Der amerikanische Wirtschaftsexperte Don Tapscott hat das 2006 zusammen mit Anthony D. Williams in seinem Bestseller Wikinomics zuerst beschrieben: Auf der ganzen Welt verstreute Individuen können heute anspruchsvolle Produkte gemeinsam erstellen, ohne am selben Ort anwesend zu sein. Beispiele sind die Online-Enzyklopädie Wikipedia und Open-Source Software wie Linux oder Firefox.
Die logische, wenn auch radikale Folge aus ortsungebundenen, kollaborativen Arbeitsumgebungen ist das virtuelle Unternehmen. Ohne Firmensitz, ja ohne zentrales Büro funktioniert es als frei flottierender
Verband selbstständiger Einheiten. Es besitzt keine oder kaum Immobilien, Möbel, technische Infrastruktur, es besteht, frei nach der Gesellschaftsdefinition des einflussreichen Soziologen Niklas Luhmann, (fast) nur noch aus Kommunikation.
Es gibt aber eine weitere praktische Anwendung dieses Phänomens, die oft übersehen wird, uns hier besonders interessieren soll: die Idee der sogenannten Virtuellen Persönlichen Assistenten (VPAs), die unangenehme oder zeitfressende Aufgaben für uns erledigen – also zum Beispiel Internetrecherchen machen, Präsentationen zusammenbauen oder Reisen buchen. Weil die Assistenten im Ausland viel billiger sind und unter Ausnutzung von Währungskursunterschieden kommt der Auftraggeber günstiger weg als wenn er all das selbst tun würde. Schnelles Internet, Filesharing und IP-Telefonie machen es technisch möglich. Ob so ein VPA für Privatpersonen überhaupt Sinn macht, wird immer wieder diskutiert. Der tolle amerikanische Autor A.J. Jacobs hat indische VPAs sogar bei seinem Boss anrufen oder Streitigkeiten mit seiner Frau schlichten lassen – wenn auch mehr aus Spaß und für einen Esquire-Artikel. Aber inzwischen schreibt sogar die Brigitte über das Phänomen. Das Problem: Eigentlich alle bekannten Unternehmen, die so etwas anbieten – wie das indische „Get Friday”, -bieten nur englischsprachigen Service. Unpraktisch, wenn man Telefonate, Korrespondenz oder auch nur Präsentationen auf Deutsch abgewickelt haben will.
Was ich mich immer gefragt habe ist – geht das auch von Deutschland aus? Ich habe es ausprobiert. Es geht noch nicht besonders gut. Ich wollte zunächst wissen: Gibt es auch deutschsprachige VPAs? Ich fragte den Buchautor Tim Ferriss, der das Konzept erstmals weltweit bekannt gemacht hat, und er meinte dazu nur: Klar, Du gehst einfach auf die Website Elance, da gibt es Tausende aus Osteuropa. Sorry Tim, stimmt so nicht: Ich habe Anfang letzten Jahres eine deutschsprachige Ausschreibung auf Elance gemacht und exakt EINE Bewerbung bekommen. Von einem jungen Deutschen, der nach Kapstadt ausgewandert ist und im Lauf des letzten Jahres einige Jobs für mich übernommen hat: Übersetzungen und Webrecherche zum Beispiel.
Aber mit der Zeit wurde mein VPA in Kapstadt unzufrieden. Die anderen deutschen Auftraggeber wüssten nicht, wie sie richtig mit dieser Dienstleistung umgehen sollten, schimpfte er – sie vergäben unpassende oder unrealistische Aufträge. Auch sein Plan, weitere Auswanderer vor Ort anzuheuern, um mit ihnen ein größeres Business aufzubauen, ging nicht auf. Sein Fazit: Es seien gerade nicht Billigjobs, die Deutsche ins Ausland outsourcen sollten. Sondern anspruchsvolle Aufgaben, für die sie online weltweit Experten suchen können – Suchmaschinen-Optimierung zum Beispiel.
Ich bin nicht sicher, ob das wirklich so stimmt. Mir scheint, es gibt da doch einen weiteren Markt: Für einfache, Dienstleistungen, die ich unkompliziert an zuverlässige und vor allem deutschsprachige VPAs vergeben kann. Für ein komfortables Tool, mit dem ich meine VPAs buche, kontrolliere und bezahle. Würde jemand diesen Service auf überzeugende Weise anbieten, ich wäre der erste Kunde.
6 Responses for "So will ich arbeiten: Mobile Kollaboration, virtuelle Teams und privates Outsourcing"
Jeder kann das, die Frage die sicher jeder selber stellen muss dabei ist, ob man auch wirklich dazu bereit ist!?
Nicht nur mal grade so fix das überdenken, davon erzählen und darüber debattieren sondern, ganz im eigenen Inneren dazu wirklich bereit sein. Das ist der Punkt!
Ganz genau.
Jeder muss selber entscheiden, ob er jeden Morgen zur selben Uhrzeit während der besten Jahre seines Lebens ins Büro fahren möchte, um da den Tag in einem Umfeld zu verbringen, das man im Grunde nicht im geringsten leiden kann.
Oder ob er sich der Herausforderung stellt, die Dinge selber in die Hand zu nehmen und unkonventionelle Wege zu gehen. Ob er bereit ist, in Frage zu stellen, was seine Eltern ihm beigebracht haben, um die eigenen Möglichkeiten zu nutzen und an dem Ort und zu der Zeit zu arbeiten, wenn man es wirklich möchte.
Die “the world is flat”-Theorie wird in dem Buch “Who’s Your City” von Richard Florida ganz gut widerlegt. Es spricht zwar nicht gänzlich gegen den hier beschriebenen Weg des Arbeitens von jedem Ort der Erde aus – aber ich glaube, das gilt nur für bestimmte Berufsbilder. Die These von Florida: Die “creative economy” zieht es nach wie vor oder noch mehr als früher in die großen Metropolregionen, in denen sich Innovationsgeist und hochqualifizierte Ausbildung bündeln und potenzieren lassen. Ich rate jedem, dieses Buch zu lesen.
Wie gesagt, für den einzelnen ist das nicht allzu relevant. Er kann von mir aus gerne von Hua Hin aus arbeiten oder von Kathmandu oder sonstwo. Aber gesamtwirtschaftlich haben wir wohl eher eine “spiky world” mit mittlerweile wenig riesengroßen peaks und unzähligen valleys.
Oder gibt es sonst einen Grund dafür, dass es die topausgebildeten Finanzmenschen nach wie vor nach London, New York oder neuerdings Shanghai zieht? Die Welt ist eben doch nicht so flat, wie man vielleicht denken könnte.
@Herr Laage Ich würde mich als Städteplaner, Politiker oder Firmenchef auch eher an Floridas “Spiky World” als an Friedmans “Flacher Welt” orientieren. Die akademische Kritik an Friedmans Thesen habe ich in meinem Buch auch wiedergegeben.
Mir geht es allerdings um einen anderen, simpleren Punkt: Anders als noch vor wenigen Jahren KANN man als Wissensarbeiter zumindest zeitweise von beliebigen Orten der Welt aus am Wirtschaftsgeschehen teilhaben.
Der normale Großstädter wird vielleicht nur für ein paar Wochen oder Monate pro Jahr “vom Strand” aus arbeiten. Wer sich aber dafür entscheidet, lieber in Kapstadt zu surfen und nebenbei für deutsche Kunden Webseiten zu programmieren – wie das ein Bekannter von mir getan hat –, für den ist das durch die beschriebenen Phänomene erstmals möglich.
Das ist neu. Und das schafft zumindest die theoretische Grundlage für VPAs.
[...] sehr lesenswerter Artikel des Autors von “Morgen komm ich später rein“, Markus Albers. Es geht u.a. um die [...]
@ Markus Albers: Da stimme ich auf jeden Fall zu. Wer einen selbstbestimmten Weg gehen möchte, der kein Präsenznetzwerk benötigt, hat heute mehr Möglichkeiten als jemals zuvor, seine Arbeit von jedem Ort zu machen, der ihm lieb ist.
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